Der nackte Wahnsinn

Michael Frayn

Drei Dinge braucht der bekannte Theaterregisseur Lloyd Dallas bei der heutigen Bühnenprobe in großen Mengen: Einfühlungs- vermögen, Beruhigungspillen und vor allen Dingen Nerven wie Drahtseile; morgen soll sich der Vorhang für die Premieren- vorstellung eines neuen Stückes heben. Die Zeigerf der Uhren nähern sich Bereits Mitternacht, und noch kann Lloyd weder das Ende der heutigen Generalprobe mit dem Ensemble noch irgendein Ergebnis seiner unermüdlichen Regiebemühungen absehen.

Schließich wird hier eine mehr schlechte als rechte Komödie von einem noch schlechteren Ensemble einstudiert; notorische Text- lücken, Krampf im Umgang mit Requisiten und Unkenntnis der Handlungsabläufe sind nur einige Eigenschaften, mit denen dieses zweit- (oder gar dritt-) klassige Bühnenteam brilliert. Doch wenn Lloyd Dallas nun meint, dass mit der heutigen Hauptprobe der absolute Tiefpunkt siner künstlerischen Karriere durchschritten sein müsste, befindet er sich im Irrtum. Diese Darstelen schaffen es, auch das heutige Chaos noch zu steigern; ihr späterer Psychokrieg hinter den Kulissen und das, was sie am Ende der Tournee vom eigentlichen Stück noch übriglassen sind “der nackte Wahnsinn”

Screenshot

Aug. 23, Dok. 46